100 Jahre Schützenverein e. V. Ohr 1904

2004 wird in Ohr ein Doppeljubiläum gefeiert: Der älteste, noch bestehende Verein im Ort, der Schützenverein e. V. Ohr 1904 feiert sein 100jähriges Bestehen am 15. & 16. Mai und das ganze Dorf am 28. August 2004 unter dem Motto „1000 Jahre und ein Tag“ sein 1000jähriges Jubiläum.

Das Motto in der Festschrift zum 75jährigen Bestehen dieses Vereins lautete damals:

„Die Zeiten waren andere, aber sicher nicht besser, die Namen sind heute noch in Ohr bekannt, und die Menschen waren genauso wie heute ...“

Der alte Verein

Der alte Verein wurde im Jahr 1904 gegründet. Es gibt keine Protokolle über die Gründungsversammlung, es lebt auch kein Mitglied mehr, das über die Zeit von 1904-1914 und die Ereignisse im Schützenverein berichten könnte. Die alte Vereinsfahne, 1945 vom Schützenbruder Kreye unter einem Heuhaufen versteckt und anschließend gut aufbewahrt, ist mit der eingestickten Jahreszahl 1904 das älteste Dokument des Vereins. Ein weiteres, das Protokollbuch der Jahre 1914-1932, zeigt uns die vielen Einzelheiten eines regen Vereinslebens in diesen Jahren auf. Es beginnt mit einem „Schweineschießen“ kurz vor Kriegsausbruch im Juni 1914. An den damaligen monatlichen Versammlungen nahmen immerhin schon 20 und mehr Mitglieder teil.

In der Versammlung vom 9. Mai 1915 wurde beschlossen, an sämtliche Schützenbrüder, die zum Heeresdienst eingezogen waren, 1 Feldpostkarton Zigarren zu senden. Die Zigarren sollten die hiesigen Kaufleute zu einem Preise von 5,50 Mark per 100 Stück liefern.

Auf der ersten Generalversammlung nach dem 1. Weltkrieg (1919) setzte sich der Vorstand wie folgt zusammen: Präsident Heinrich Nolte sen., Vize-Präsident Karl Stäbe, Kassierer Heinrich Nolte jun., Schriftführer Albert Lücke, Revisoren Martin Werner und Heinrich Rehse.

Schon am 8. November 1919 wurde der erste Ball nach dem Weltkrieg gefeiert. Dafür gab es folgende Ordnungsregelung:
Es sollen nur geladene Gäste, die mit Eintrittskarte versehen sind, Zutritt haben und nur gute Freunde eingeladen werden. Und es sollen auch nur Gäste in anständiger Kleidung zugelassen werden.

1920 wurde Karl Stäbe zum Präsidenten und Heinrich Rehse zum Vize-Präsidenten gewählt.

Einige interessante Protokollauszüge beleuchten das Vereinsgeschehen in diesen Jahren:

... es wurde der Kassierer beauftragt, 200,– Mark aus der Vereinskasse zur Sparkasse zu tragen, und bei jeder Hochzeit eines Vereinsmitglieds soll die Fahne aus dem Vereinslokal (Loges) gehängt werden (2. März 1920).

Jeden Monat wurde eine Versammlung angesetzt und die Strafen bei Nichterscheinen waren hoch: Laut Beschluss sollten die Strafgelder für säumige Mitglieder erhöht werden, und zwar bei gewöhnlichen Monatsversammlungen auf 25 Groschen und bei Generalversammlungen auf 50 Groschen (3. April 1921).

Am 5./6. Juni 1921 wurden zum Zeltfest auf dem Ohrberg auch die Freiwillige Feuerwehr, der Wahlverein Ohr und der Gesangverein Ohr eingeladen. Also 4 Vereine in dem damals mindestens um die Hälfte kleineren Ort!

Am 5. Januar 1924 wurde beschlossen, mit dem Sportverein in Ohr gemeinsam einen Ball zu feiern. Also muss damals auch noch ein fünfter Verein bestanden haben.

Interessant ist die Bemerkung vom 2. November 1924. Damals stellte Wilhelm Pflughoft den Antrag, bei der Gemeinde anzufragen, wie diese sich zu der Einrichtung eines Scheibenstandes im „Hohlwege“ stellen würde. Hier handelt es sich um die erste Schießbahn in Ohr am Anfang der alten Holztrift, erster nördlich abzweigender Weg vom Steinweg auf dem Eichberg. Hier sind heute noch die Reste des Deckungswalles zu sehen. 1926 wurde in einer Versammlung beschlossen, den alten Scheibenstand auszumessen und ein Antrag gestellt, einen neuen Scheibenstand zu bauen, dieser wurde aber zurückgestellt bis zur nächsten Generalversammlung.

Der Schützenverein spielte auch in den zwanziger Jahren Theater. Zwar wurde 1926 die Anschaffung einer Baukastenbühne des hohen Preises wegen abgelehnt, aber der Schützenbruder Schlüter hat die Kulissen selbst mit Pappe, Leisten und Tapeten gebaut.

So wurden im Winter 1926 zwei Einakter von Lehrer Paul Meyer eingeübt, die Kinder beschert und eine gemeinsame Weihnachtsfeier beschlossen. Lehrer Paul Meyer schreibt in seinem Protokoll vom 28. November 1926: Den 3 ehemaligen Schützenkönigen W. Pflughoft, Heinrich Nolte und Heinrich Schlüter wurden vom Vorsitzenden Karl Stäbe die Ehrenmedaillen feierlichst überreicht. Für diese Dekoration sowie für ein musikalisches Hoch zeigten sich die also Geehrten durch eine feuchte Spende erkenntlich!

Auch war man sehr darauf bedacht, dass alles gerecht zuging und Verdienste auch gewürdigt wurden. So rügte Karl Blume in der Versammlung im Januar 1927, dass den Mitspielenden und ihm am Weihnachtsabend für alle Mühewaltung bislang kein Dank dargebracht sei. „Wird prompt nachgeholt“, lautet der Nachsatz.

Bodenstab stellte den Antrag 1927, die Titel Präsident und Vize-Präsident in 1. und 2. Schützenmeister umzubenennen. Der Beschluss wurde einstimmig gefasst. Nachsatz: Beide wurden mit neuen Abzeichen dekoriert und zeigten sich durch eine feuchte Spende erkenntlich.

... in Anbetracht der hohen Fleischpreise wurde vom Ausschießen eines Kalbes Abstand genommen, stattdessen sollten 100 Zigarren ausgeschossen werden (3. September 1927).

1928 wurde gemäß dem Antrage eines Mitgliedes beschlossen, dass Vereinsmitglieder ohne Rücksicht auf die Anzahl, auch ohne Vereinsbeschluss, die Möglichkeit haben, mit den Gewehren des Vereins auf dem Scheibenstande nach Belieben den Schießsport zu pflegen...
infolge lauter Auseinandersetzungen persönlicher Art unter einigen Vereinsmitgliedern musste die Versammlung vom 1. Schützenmeister um 10.55 Uhr geschlossen werden!

1929 fuhr der Schützenverein mit einem „Autoomnibus“ nach der Grohnder Fähre und im nächsten Protokoll hieß es: beim Tanz am 16. Februar hat laut Beschluss entgegen früherer Vereinbarungen jedes Mitglied eine Dame frei! Das Stiftungsfest (25jährige) wurde im Mai 1929 zum vollen, auch finanziellen Erfolg. Nach dem günstigen Ergebnis wurde mit Mehrheit dem schon seit langem angeregten Bau eines neuen Scheibenstandes zugestimmt.

Die Arbeiten begannen im August 1929 und wurden so zügig durchgeführt, dass schon am 28. September 1929 ein Preisschießen, der Verein kaufte ein Kalb, mit vielen auswärtigen Vereinen durchgeführt werden konnte. In diesem Jahr tauchte zum ersten Mal der Name Fritz Siever im Protokoll auf. Er konnte 1979 auf eine 50jährige aktive Mitgliedschaft zurückblicken und wurde 1978 noch Altersschützenkönig. Eine beispielgebende Leistung!

Am 12. April 1931 wurde einstimmig beschlossen, am Abschuss auf dem Scheibenstand ein Haus zu errichten und mit dem Bau so bald als möglich zu beginnen.

Protokollauszug der Gemeindeversammlung vom 11. Mai 1931:
Außerdem wurde dem Schützenverein gestattet, in der Realgemeinde gehörigen Holztrift ein Schützenhaus zu bauen und wurde ihm der Schießstand, wenn der Schützenverein so lange bestehen sollte, auf 30 Jahre verpachtet. Der Pachtpreis beträgt pro Jahr 2 Mark, die erste Zahlung muss am 1. April 1932 erfolgt sein. Der Gemeindevorstand: Schöneberg.

Schon im Juni-Protokoll wird berichtet, dass die „Schießhalle“ fertiggestellt ist. Das Protokollbuch schließt dann mit einem interessanten Hinweis auf die Geselligkeit: ...aus Anlass der Silberhochzeitsfeier Karl Blume wurden ihm vom Verein „korporativ mit einem Fackelzug“ die Glückwünsche übermittelt. Nach Absingen des ersten Verses „Bis hierher hat uns Gott gebracht“ wurde zur Fidelitas übergegangen und der dem Verein gehörende Humpen zu wiederholten Malen geleert, so dass schon bald gemütliche Stimmung herrschte...

Die Zeiten haben sich geändert, die Namen lauten anders, oder wenn es die gleichen geblieben sind, sind schon die Söhne damit gemeint, und die Menschen bleiben gleich...